Ehrfurcht vor der hl. Jungfrau

Der bedeutende Historiker Wilhelm H.Lecky, zwar selbst ein Rationalist, schrieb das Folgende: "Die Welt wird von ihren Idealen regiert und selten oder nie hat es eines gegeben, das einen heilsameren Einfluss ausübte als die mittelalterliche Vorstellung von der hl. Jungfrau. Zum ersten Mal wurde die Frau in die ihr zustehende Position erhoben, ihre Schwäche und ihr Kummer wurden in ihrer Heiligkeit erkannt. Nicht länger Sklavin oder Spielzeug des Mannes, nicht mehr assoziiert mit Erniedrigung oder Sinnlichkeit, erhob sich die Frau in der Gestalt der Jungfrau und Mutter in eine neue Sphäre und wurde Gegenstand demütiger Verehrung, von der die Antike keine Ahnung hatte. Ein neuer Charaktertyp war entstanden, eine neue Art der Bewunderung wurde gepflegt.

In ein hartes, unwissendes, verblendetes Zeitalter verströmte dieses Ideal einen Hauch von Sanftmut und Reinheit, den die stlzesten Zivilisationen der Vergangenheit nicht kannten. In Gedichten voll lebendiger Zärtlichkeit, die mancher Mönch zu Ehren seiner himmlischen Patronin verfasste, in den Millionen, die zu vielen Zeiten und an vielen Orten ihren Charakter nach dem ihren formten, in den heiligen Jungfrauen, die sich aus Liebe zu Maria von allen Ehren und Freuden der Welt trennten, um sich in Fasten, Nachtwachen und demütiger Nächstenliebe ihres Segens würdig zu erweisen, im neuen Begriff der Ehre, in der Ritterlichkeit, in der Verfeinerung des Benehmens und des Geschmacks, die alle Gesellschaftsschichten erfasste, darin und in vielen anderen Entwicklungen sehen wir diesen Einfluss. Was an Europa edel ist, hat hier seine Wurzel; es ist der Ursprung von vielen der besten Elemente unserer Kultur."

(Geschichte des Rationalismus, Bd.1, S.225)

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